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Norbert Simon
"Gebt mir eine Handvoll Schmutz und ich mache daraus Farbe." So Eugène Delacroix am Anfang des 19. Jahrhunderts. Norbert Simon geht einen Schritt weiter und charakterisiert die Malerei als "die Organisation von Staub-, von Schmutzpartikeln".

Er bearbeitet Staubpartikel, nämlich Asche und Farbpigmente, so lange, bis sie verwandelt sind in Schönheit, in etwas, was uns unbestimmt in der Seele trifft, in eine Erscheinung, die es so zuvor nie gegeben hat. Seit einigen Jahren betreibt er die Transformation des Schmutzes so weit, dass Glanz entsteht. Glanz aber ist nichts anderes als Licht, welches aus den tiefsten Tiefen der lasierend aufgebrachten Farbschichten empor zu dringen scheint.

Von Fritz Winter, dessen Vater im Bergbau tätig war, wissen wir, dass er in jungen Jahren den Beruf des Vaters ausüben musste. In den 1950er Jahren entstand dann einer der bedeutendsten Bildzyklen der Nachkriegsmalerei: "Die Triebkräfte der Erde". Winter hat das Bedrückende, das Dunkle, die Wahrnehmung der Welt buchstäblich von innen, tief erlebt, freilich ohne zu ahnen, dass dies rund 30 Jahre später aus seinem Kopf wieder als Malerei entlassen würde. Während Winter die prozessualen Kräfte der Dunkelheit verinnerlicht und dann Gestalt werden lässt, transformiert Norbert Simon etwas, was zunächst als unangenehm, als minderwertig, zuweilen auch lebensbedrohlich empfunden wird, in einen Zustand edler Lebensbereicherung und Erhabenheit. Das Prozessuale ist geblieben, indem sich die Transformation in einem stundenlangen Arbeitsprozess vollzieht, aber auf dem Bild wird der Prozess nicht mehr repräsentiert. Das Sichtbare ist das Ergebnis des Prozesses.

 
Nach dem Abitur wählte Norbert Simon die Werkkunstschule in Saarbrücken, die in den 1960er Jahren ihre Glanzzeiten erlebte. Die analytische Grundlehre Oskar Holwecks sollte keine Gestaltungsmuster vermitteln, sondern die Denkvorgänge des werdenden Künstlers entwickeln, so dass dieser die eigene Form findet, ohne im Subjektivistischen zu versinken. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet Simon mit seinen fotorealistischen Werken noch im Gegenständlichen.
Das konsequente Fortschreiten hin zur analytischen ?Befragung des Arbeitsprozesses und der Materialien, welches in den 1990er Jahren einsetzt, zeigt, dass die Saat auf fruchtbaren Boden gefallen war: Entwickele ein eigenes Verfahren und Kunst wird nicht mehr gemacht, sondern sie entsteht.
Nachdem Norbert Simon durch einen persönlichen Schicksalsschlag sich für einige Jahre von der Malerei abgewandt hatte, nahm er 1988 die Arbeit wieder auf. Mit fotorealistischer Technik wurde die Verletzbarkeit, ja die Zerstörbarkeit des menschlichen Lebens und des Leibes für wenige Jahre sein Thema. Mit Fotovorlagen aus pornografischen Szenen verschmelzen Lust und Gewalt zu einem Farbrausch, den sogenannten "color climax".

Wo zunächst noch Wiedererkennbares für Schockeffekt sorgt, geht dadurch dass der Ausschnitt immer kleiner gefasst wird bis eine klare Identifizierbarkeit erschwert wird, das Motiv verloren. Was bleibt ist ein Farbrausch in extatischer Intensität einerseits, gepaart mit erdrückender Ungewissheit und diffuser Bedrohlichkeit andererseits. Die Form ist zwar nicht mehr zu entschlüsseln, nicht mehr als Gegenstand wieder zu erkennen, aber bedrückend empfindet der Betrachter, dass sie noch vorhanden ist, ohne sich ihm zu erschließen. Norbert Simon wurde zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass sein eigentliches Interesse der Farbe galt. Aber Farbe ohne Form? Vor dieser Quadratur des Kreises stand er nicht allein. Aus dieser Herausforderung sind im 20. Jahrhundert die bedeutendsten Bildwerke hervorgegangen.

Noch im Gegenständlichen arbeitend war dieses Problem mit extremer Ausschnittsverkleinerung angegangen worden. Nun geht Simon von einfachen, spannungslosen Formelementen aus, dem Quadrat und Rechteck und arbeitet mit und um diesen Dreh- und Angelpunkt mit Farbe. Die Rechtecke bilden durchaus komplexe Winkelelemente, die sich zu einer Binnenform fügen. Zerlegt man die gesamte Bildfläche in Planquadrate, so zeigt sich, dass die Binnenform dieselbe Flächensumme aufweist wie der sie umgebende Rest der gesamten Bildfläche. Dadurch werden Spannungen der formalen Elemente untereinander und in Bezug auf das Gesamtformat, welches mit dem Quadrat die größtmögliche Neutralität erhält, vermieden. Die von aufwendiger Aparatur abhängige Spritztechnik wird durch das Auftragen mit dem Pinsel ersetzt. Die Leinwände werden nun eigenhändig grundiert und die Farben, auf wenige Töne beschränkt, selbst gemischt. Reduktion, Vereinfachung, sollte von Grund auf alle Arbeitsschritte betreffen. Indem die Farben im langwierigen Arbeitsprozess mit ständigem Übermalen übereinander gelegt werden, gehen die Grenzen der Formen, geht der Kontur verloren, obwohl die Formen selbst erahnbar bleiben.

Norbert Simon war auf der Suche nach seiner persönlichen Stunde Null und die Rückführung auf einfachste Koordinaten noch nicht weit genug vorangetrieben. Deshalb der Wechsel auf natürliche Pigmente, ohne industrielle Zusätze, auf Leinöl als Bindemittel und auf individuelle Grundierung der Leinwand mit Asche und Dispersion. Mit dem Zubereiten der Leinwand, dem Einarbeiten des Stoffes Asche, welcher bereits immer Ergebnis eines Transformationsprozesses ist, beginnt nun der Weg der Gestaltung. Im nächsten Schritt sollte das Werkzeug zu maximaler Kargheit reduziert werden. Als das wenigst Aufwändige erschien ihm die Arbeit mit den bloßen Händen, wobei ein Lappen diese unterstützt und schützt. Mit den Bewegungen des Körpers wird nun das Pigment dem Farbträger eingerieben. Die zuvor noch komplexen Binnenformen reduzieren sich auf ein Quadrat oder Rechteck und werden im Laufe der Zeit endlich völlig verschwinden. Die Form ist gänzlich in Bewegung aufgegangen, das Aufbringen von Farbschichten bleibt erhalten, wie bei altmeisterlicher Lasurtechnik, allein die Schichten korrespondieren auch untereinander, auf der Achse der Raumtiefe. Und entsprechend ist es die Zeit, die auch für den Betrachtenden das Bild entstehen lässt: Aus unauslotbaren Raumtiefen dringen Phänomene in Farbe und Struktur empor. Der entstandene Glanz ist das Ergebnis eines langen Vorgehens, vergleichbar dem Glanz vom Fuß des Petrus im Petersdom, welcher seit Jahrhunderten berührt wird. Es ist Licht, das abstrakteste Phänomen, über Jahrhunderte in komplexer Bedeutung dem Numinosen angehörend, in Verschmelzung mit Sinnlichkeit, Leibhaftigkeit, Berührung.

Die Werke Norbert Simons entziehen sich, im Gegensatz zur analytisch, rational erarbeiteten Vorgehensweise ihrer Entstehung, der Beschreibung. Asche und Erdpartikel sind Ausgangspunkt, der Inbegriff des gewesenen Lebens. Daniel Kehlmann lässt seinen Humboldt, als sich die Indianer entsetzt von den Tüchern abwenden, die zwei viele Jahre alte Leichen Bergen, sagen : "Aber diese Toten seien so alt, dass man sie eigentlich nicht mehr Leichen nennen könne, die ganze Welt bestehe schließlich aus toten Körpern! Jede Hand voll Erde sei einmal ein Mensch gewesen und vorher ein anderer Mensch, jede Nase Luft sei tausendfach von inzwischen Verstorbenen geatmet worden. Was hätten sie nur alle, wo sei das Problem?"

Dies gewesene Leben transformiert Norbert Simon so lange bis wieder glanzvolle Schönheit, Erhabenheit im Hier und Jetzt entstanden ist. Bis es Farb-Erscheinung geworden ist, die dem Betrachtenden die Tür öffnet in etwas, was unabhängig von unserer materiell bedingten Existenz im Verlauf der Zeit einfach bleibt.
Ingeborg Besch, 2006


Saarländischer Künstlerbund, Edition 2001

Dem oft gehörten Abgesang der letzten Jahre auf die Malerei ist Norbert Simon mit grundsetzlichen Fragen zur bildnerischen Gestaltung entgegen getreten. Anfänglich analytisch herantastend, folgt ein langwieeriger Prozess, in dem sich die Farbe im Kontext einer ständigen Materialprüfung herauskristallisiert. Es ist die Stofflichkeit von Pigmenten im zusammenwirken mit anderen Materialien, die sein forschendes Interesse weckte. Losgelöst vonder herkömmlichen Leinwand, grundierte er Jute bis zur Materialunkenntlichkeit mit Asche und Dispersion, um anschließend den so entstandenen Bildgrund mit Farbe zu bedecken, die er nach traditioneller Art aus Öl und Pigment angemischt hatte. Das letztmalige Einstreuen von Pigmenten und deren stundenlanges Verreiben mit Schaumstoff und Lappen ist in seiner Zufälligkeit vor allem ein Akt des "Durchwirkens": Die Malmittel werden gleichsam zur Korrelation gezwungen und können sich, wenn auch ungewolt, zur Form verdichten. Als Ausdruck leiblicher Wahrnehmung begreift sich der Künstler in diesem Moment nicht nur als Wirkender, sondern ebenso als "Durchwirkter", indem er zwischen eintöniger Verrichtung einer langen Bearbeitungsprozedur und Kontemplation pendelt. Am Ende jener Prozedur sind dem Betrachter die ursprünglichen Materialien beinahe entschwunden und nur noch insofern präsent, als dass ihre spezifischen Eigenheiten eine notwendige Voraussetzung zur Erlangung des endgültigen Glanzeffektes der Bildoberfläche darstellen. Ein Effekt mühsamer Verwandlung und Neubestimmung von Farbe, bei dem Erdiges zum kostbaren Glanz emporwächst.
Klaus Holländer M.A., 2001